Wissenschaft

Entwicklungspsychologie: Die Ursprünge von Wohltätigkeit

Woher stammt unser gesellschaftliches Einverständnis, dass Arme bedürftig sind und deswegen Unterstützung bekommen sollten? LMU-Psychologen legen neue Ergebnisse zu den Wurzeln der Mildtätigkeit vor.

Zu Beginn von Charles Dickens Erzählung „A Christmas Carol“ weigert sich der herzlose Ebenezer Scrooge, Armen eine Spende zu geben. Drei Geister müssen ihn nachts heimsuchen, bis er sich läutert und zu einem besseren Menschen wird. Dickens lässt Scrooge mithilfe der Geister lernen, worüber schon Kinder verfügen: Mildtätigkeit. Wie eine Studie von Markus Paulus, Professor für Entwicklungspsychologie an der LMU, zeigt, handeln bereits Fünfjährige wohltätig. Die Studie leistet einen entscheidenden Beitrag zur Debatte, ob Mildtätigkeit ihre Wurzeln in der frühen kindlichen Entwicklung hat oder ob sie ein Produkt jahrelanger Sozialisation und Erziehung ist. Wie Paulus aktuell in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology berichtet, konnte er nun nachweisen, dass ihr Ursprung in der frühen Kindheit liegt.

Im Rahmen des Experiments erhielten drei- und fünfjährige Kinder mehrere Sticker, die sie an zwei Teddybären verteilen durften. Der „reiche“ Teddybär hatte ein Stickerheft voller Aufkleber, während im Heft des „armen“ Teddys nur ein paar klebten. Die Kinder erhielten bei mehreren Versuchsdurchläufen unterschiedliche Vorgaben, wie sie die Sticker verteilen konnten. Sie mussten sich zum Beispiel entscheiden, einem der Bären einen Sticker und dem anderen drei Sticker zu geben oder beiden gleich viel. Die Fünfjährigen gaben in allen Durchläufen dem armen Bären am meisten Sticker. Die Dreijährigen dagegen machten beim Verteilen in aller Regel noch keinen Unterschied, welcher Bär bereits viel oder wenig hatte. In diesem Alter zeigte sich sogar eine Tendenz, eher dem reichen Teddy gegenüber großzügig zu sein.

„Aus anderen Studien wissen wir, dass Fünfjährige sehr viel Wert auf Fairness legen und in einer Teilungssituation darauf achten, dass jeder gleich viel erhält. Sobald aber einer der Empfänger deutlich weniger hat, also arm ist, überwinden sie diese Neigung und teilen je nach der Bedürftigkeit des Empfängers: Sie geben dem Armen mehr“, sagt Paulus. Wie die Versuche mit Kindern unterschiedlichen Alters zeigen, entwickelt sich diese Fähigkeit zwischen drei und fünf Jahren. “Das zeigt, wie früh die Wurzeln menschlicher Wohltätigkeit angelegt sind, die in unserer Gesellschaft als Inbegriff von Mitmenschlichkeit gilt“, sagt Paulus.

Publikation:
Markus Paulus:
The early origins of human charity: Developmental changes in preschoolers’ sharing with poor and wealthy individuals
http://journal.frontiersin.org/Journal/89037/abstract#sthash.KHvf7Sfp.dpuf
In: Frontiers in Psychology, online 2.4.14
doi: 10.3389/fpsyg.2014.00344

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Markus Paulus
LMU
Fakultät für Psychologie und Pädagogik
Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie
E-Mail: markus.paulus ätt lmu.de
Tel: 089/2180-5150

Soweit die Pressemeldung der Ludwig-Maximilians-Universität München

Kommentar:

Es ist nicht die erste Studie, die die Grundannahme, der „Mensch sei des Menschen Wolf“ deutlich widerlegt. (Wobei Wölfe ja in Wirklichkeit sehr soziale Tiere sind.) Sie zeigt auch, wie relativ einfach es ist, sehr junge Menschen zu menschenfreundlichem Verhalten zu erziehen, und dass keine jahrelange moralische Unterweisung (die nicht selten in moralischen Drill ausartet) dazu erforderlich ist. Die Vermutung liegt nahe, dass im Gegenteil einiges passieren muss, um aus einem offenen Kind einen erwachsenen Menschenfeind werden zu lassen.
Das Menschenbild, nach dem Menschen im „Naturzustand“, also frei von Einschränkungen der historischen Moral, der Tradition, des Staates oder der Kirche, gewaltätig, gesetzlos und unsittlich wären; in dem ein „Krieg aller gegen alle“ herrschen würde, ist tief in unserer Kultur verankert. Dieses pessimistische Weltbild entstand in der Spätantike, zu nennen sind vor allem Augustinus von Hippo, es löste die bei den meisten antiken Philosophen übliche Ansicht, der Mensch sei ein naturgemäß soziales Wesen, ab, und beeinflusste das junge Christentum sehr stark. (Extremste Ausformung: die Erbsündelehre.)
Thomas Hobbes führte dieses vor allem in den reformierten Kirchen weit verbreitete düstere Menschenbild im seinem Leviathan in die Staatsphilosophie und die politische Wissenschaft ein. Hobbes vertritt übrigens kein ausdrücklich negatives Menschenbild, wie es etwa einige puritanische Christen hatten, seiner Ansicht nach entsprangen die „schlechten Verhaltensweisen“ keiner bösartigen, wohl aber einer nichtsozialen Natur des Menschen.
Ein „verkürzter Hobbes“ diente als Rechtfertigung des absolutistischen Obrigkeitsstaates. Konservative Ordnungsdenker wie der umstrittenste deutsche Staats- und Völkerrechtler des 20. Jahrhunderts und „Kronjurist des Dritten Reiches“, Carl Schmitt, gründeten auf „Hobbes“ ihre Rechtfertigungen für autoritär bürokratische und in der Konsequenz totalitäre Herrschaftssysteme.
Aber nicht nur Faschisten und Diktaturfreunde, sondern auch es „gut meinende“ selbsternannte Menschheitsbeglücker, die die „Menschen zu ihrem Glück zwingen wollen“, berufen sich auf die Idee, dass Menschen eben brutal, dumm und feindselig seien, und nur unter äußerem Druck und ständiger Überwachung zu „zivilisierten“ Verhalten fähig seien.

Heute wird mit dem Argument, dass der Mensch eben „von Natur aus“ egoistisch, rücksichtslos, faul usw. sei, sowohl das „uneingeschränkte staatliche Machtmonopol“ (uneingeschränkt durch Transparenz und demokratische Kontrolle), wie der (alle Bürger unter Generalverdacht stellenden) „Überwachungsstaat“, wie auch z. B. die Hartz-Gesetze zum Arbeitsmarkt gerechtfertigt.

Wenn Menschen von „Natur aus“ soziale Wesen sind, und wenn wir fähig sind, einen Sinn für Gerechtigkeit und faires Verhalten schon als Kleinkinder anstrengungslos zu lernen, dann geht das an die Grundfesten der (angeblich notwendigen) autoritären Bevormundungsstrukturen.

Ein Gedanke zu „Entwicklungspsychologie: Die Ursprünge von Wohltätigkeit

  • Felisylvestris

    Sehr guter Kommentar, Martin!

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